Lieber Tölpel!Reisen bildet ja bekanntlich. Zumindest erweitert es den Horizont ein bisschen. Und dann fragt man sich manchmal schon, warum wir gerne mal über Mennoniten schmunzeln, die, auf Urwaldflüssen fischend, weiße Hüte tragen oder amüsiert bis überheblich den Kopf schütteln ob des Grab-Kultes von Voodoo-Anhängern, während wir (oder zumindest viele von uns) es völlig normal finden, wenn alte Männer in Frauenkleidern im Partnerlook gekleidete Puppen weihen oder ein erwachsener, geschäftsfähiger Mann nach Rom pilgert, um dort Kleiderfetzen vom Santosubito zu besorgen, die er dann seinen kranken Kindern auflegt.
Na ja... Jeder nach seiner Façon. Wobei sich mir beim morgendlichen Anblick der
PNP trotzdem immer wieder mal die Frage stellt, ob ich da eine Tageszeitung oder das Bistumsblatt in Händen halte. Gestern war nämlich nicht nur ein halbseitiger Artikel über den polnischstämmigen Reliquiensammler im Passauer Lokalteil, der dort natürlich nicht als armer Irrer, sondern als streng gläubiger Katholik bezeichnet wird - nein, man hat gleich auch noch als Aufmacher Marienweihe und Wallfahrt in Altötting auf den Titel (Wirklich Titel, Seite 1!) gesetzt.
Versteh mich nicht falsch. Dergleichen finde ich halt nur ein bisschen lächerlich. Worüber ich aber gar nicht lachen kann, ist die Tatsache, dass jetzt in der Erstkommunions-Saison wieder ein massenhafter Kindesmissbrauch erfolgt, über den sich aber erstaunlicherweise kaum jemand aufregt. Wie widerlich und pervers ist es eigentlich, wenn Grundschulkinder ihre "Sünden" einem fremden, unverheirateten Mann beichten müssen? Ich kann mich noch genau erinnern, wie mich das bis in meine Träume verfolgt hat. Vor allem auch deshalb, weil uns von unserem Pfarrer immer wieder eingebläut wurde, wir sollten halt, wenn uns sonst nichts einfiele, unsere unkeuschen Gedanken beichten. Wenn heute ein Pfarrer kleinen Mädchen den Popo tätschelt, dann steht er vor Gericht und die Meute schreit "Einsperren, einsperren!" Wenn sich aber ein Pfarrer von kleinen Mädchen und Buben ihre unkeuschen Gedanken beichten lässt, dann ist das ein Sakrament. Aber sowas gibt es heute ganz bestimmt nicht mehr. Und wenn doch, dann kommts nicht raus, weil die meisten Kinder 20 Jahre brauchen, um die Perversion als solche zu realisieren und darüber zu sprechen. Vielleicht schafft es ja die Kirche bis dahin, diesen mittelalterlichen Anachronismus zu beseitigen.
Wenn wir schon dabei sind... Zu meiner Zeit musste man ja tatsächlich noch bis zur neunten Klasse in den Religionsunterricht gehen, weil Ethik erst ab der zehnten angeboten wurde. Und da hatte ich einen Religionslehrer ("Es kommt heraus und berichtet uns..." Die Leopoldiner einiger Generationen wissen, wer gemeint ist.), der in einer Diskussion über die Berechtigung von Krieg, insbesondere Atomkrieg die Meinung vertreten hat, der Abwurf einer Atombombe über Russland sei durchaus rechtfertigbar, weil ja immerhin die Mehrheit der Bevölkerung überzeugte Kommunisten wären. Im Religionsunterricht habe ich auch gelernt, dass ein Ungläubiger oder auch ein Moslem, die den wahren, also christlichen Glauben kennen und nicht konvertieren, unweigerlich in der Hölle landen. Ich weiß schon, dass diese Dinosaurier zumindest an deutschen Lehranstalten ziemlich ausgestorben sind und dass die grün wählenden, temperaturmethodenverhütenden, dauerbetroffenen Wir-sind-Kirche-aber-auch-Buddhismus-Gutfinder-Vollkornpausenbrot-Mitgeber-Eltern Mahnwachen, Lichterketten und Sitzblockaden gegen solche Betonköpfe organisieren würden.
Lustigerweise können sich diese Gut- und Wutbürger, die mittlerweile zwei Themen in eine Demo packen müssen, weil sie sonst mit dem Demonstrieren nicht mehr fertig werden, furchtbar darüber aufregen, wenn irgendwer sagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Seid Ihr eigentlich völlig gaga? Für Frauen-, Schwulen- und Ausländerquoten am besten noch in bayerischen Kreistagen sein und gleichzeitig denen Toleranz und Verständnis gegenüber bringen, die alle Errungenschaften der Aufklärung und Gleichberechtigung hassen und abschaffen wollen? Und jetzt kommt mir ja keiner mit dem Vorwurf, das sei Stammtischgeschwätz. Nennt mir lieber eine Prozentzahl von in Deutschland lebenden Moslems, die die private und berufliche Gleichberechtigung der Frau akzeptieren, nichts gegen Juden haben und nicht homophob sind. (Ich weiß schon, dass man da bei uns auch keine Mehrheiten findet.) Ich habe gestern den Pierre Vogel und noch so einen anderen Durchgepeitschten im Fernsehen gesehen. Der Islam gehört zu Deutschland. Leider ja.
Ego me absolvo.
Deine Kathi
Liebe Kathi!Du hast ja ein klein bisschen recht. Aber Du solltest nicht vergessen, dass das Revival der fundamentalen Katholen und Evangelikalen auch nicht übersehen werden darf. Wusstest Du, dass es in Deutschland mittlerweile christliche Privatschulen gibt, an denen z.B. auch im Biologieunterricht die kreationistische Weltsicht gelehrt wird? Da sind mir dann schon noch die von Dir zitierten, demonstrierenden Gut- und Wutbürger lieber. Die wollen wenigstens nur nett sein.
Nervig ist es natürlich trotzdem, wenn in einem Staat, in dem ja irgendwie doch jeder tun kann, was er will, jeder Trottel meint, es würde sich um Zivilcourage handeln, wenn er gegen Bahnhöfe oder Atomkraftwerke demonstriert, nur weil wieder nichts Gescheites im Fernsehen kommt. Mich würde einmal interessieren, ob diejenigen, die jetzt für eine Sofortabschaltung der Kernkraftwerke auf die Straße gehen, weniger Strom verbrauchen als die Anderen oder ob die Flughafenstartbahngegner seltener fliegen.
Die
SZ hat sich übrigens relativ polemisch über den hartnäckigen Widerstand von OB und Verwaltung gegen Internet-Liveübertragungen aus dem Passauer Stadtrat geäußert. Ziemlich zurecht wird da von halbseidenen Argumenten gesprochen, die auch der sonstigen Selbstdarstellung der Stadt ziemlich entgegen laufen. Spitze fand ich ja den Versuch mit dem Kostenargument. 3000 Euro solle die Aufzeichnung einer einzigen Sitzung kosten. Da sind aber dann schon die Synchronübersetzer in 18 Sprachen mit eingerechnet? Unser Oberjürgen hat zum Thema beigetragen, indem er meinte, die Übertragungen würden nur "die Faulheit derjenigen unterstützen, die den Weg ins Rathaus nicht finden." Gut gegeben! So wie die
Tagesschau die Faulheit derjenigen unterstützt, die den Weg in den Reichstag, nach Japan oder nach Masar-i-Scharif nicht finden. Na gut, einen Schnitzer pro Legislaturperiode kann man sich schon mal erlauben. Ansonsten läuft ja alles supi, wie man der Dreijahresbilanz in der PNP entnehmen durfte.
Sogar in der Ilzstadt wird wieder alles gut. Nein, ich meine jetzt nicht dieses wunderbare Salzkristallkunstwerk, um das uns sicher andere Metropolen wie Hundsdorf oder Großthannensteig beneiden werden. Ich denke an die Bschütt-Belebung. Da kommt jetzt dann nächstes oder übernächstes Jahr ein Sandkasten oder eine Achterbahn hin oder so. Ich würde es ja auch gerne glauben, wenn es uns nicht schon seit 15 Jahren versprochen worden wäre. Egal. Jetzt haben ja die Freyungerstraßler bald den Salzkristall zum Anschauen.
Der
Spiegel hat übrigens in der Ausgabe vom 23. April in einem lesenswerten Artikel dargestellt, dass alle einschlägigen und namhaften Wissenschaftler sich darin einig sind, dass die Regierungen ihre Förderpolitik auf die Vorzeigeregionen konzentrieren müssen und es ziemlich sinnlos, geldvernichtend und kontraproduktiv ist, aussterbende Landstriche künstlich am Leben zu erhalten. Darüber sollten die bayerischen, zukunftsrat-schmähenden Provinz-Wutbürger einmal nachdenken.
In contritione cordis
Dein Tölpel