Donnerstag, 1. Oktober 2026

Aktuelle Kolumne aus dem Bürgerblick Herbst 2026

Amnesia                                                                                      

 

„Wo ist Andi?“, habe ich beim letzten Mal geschrieben und – zack! – schon ist er wieder da. Also genauer gesagt sitzt er jetzt dann. Also konkret sitzt er jetzt dann zunächst einmal für voraussichtlich zwölf Verhandlungstage auf der Anklagebank der 38. Großen Strafkammer am Landgericht Berlin. Der Vorwurf lautet uneidliche Falschaussage. 171 Seiten umfasst die Anklageschrift mit zahlreichen Beweismitteln, darunter Zeugenaussagen, Dokumente und Protokolle. Das kann doch nicht die Wahrheit sein. „Natürlich nicht!“, sagt Andi und weist alle Vorwürfe zurück – aufs Schärfste, selbstverständlich.

 

Zugetragen haben soll sich das Ganze in etwa so (sagen zumindest alle am inkriminierten Geheimtreffen Beteiligten, die jetzt nicht auf der Anklagebank sitzen): Nachdem zumindest die Vertragspartner seitens Eventim kapiert hatten, dass diese deutsche Spezial-Maut am EuGH scheitern könnte, machte der Eventim-Chef Schulenberg (so die Zeugen) dem Minister ein freundliches Angebot. Man könne doch das EuGH-Urteil abwarten, bevor man den Vertrag rechtskräftig unterzeichne. Darauf sei der Minister aber nicht eingegangen und wollte den Vertrag sofort abschließen.

 

Hat das jetzt wirklich jeder verstanden? Da sagt ein mit allen Wassern gewaschener Unternehmer und Milliardär (so die Zeugen) generös zu einem, der seit seiner Geburt Politiker ist: „Junge, überleg Dir das noch mal. Du verbrennst da Hunderte Millionen, wenn das in die Hose geht und dann sitzt Du richtig in der Scheiße.“ Dieser antwortet breit lächelnd (nicht im Wortlaut bezeugt): „Mach Dir mal nicht meinen Kopf, Opa. Ich bin Andi, der geilste Typ der Welt und Bundesminister. Wir schreiben jetzt Geschichte. Man reiche mir meinen grünen Stift und ein Glas Champagner.“

 

So ungefähr soll es gewesen sein – sagen die Zeugen. Und der Angeklagte? Kann sich an nichts erinnern, zumindest nicht an das nebensächliche Detail mit dem Angebot des Abwartens. Wobei er sich 2019 im Bundestag noch erinnern konnte. Da sagte er nämlich auf Nachfrage: „Nein, dieses Angebot gab es nicht.“ Im Untersuchungsausschuss im Oktober 2020 konnte er sich dann lediglich nicht mehr daran erinnern, ob es ein solches Angebot gegeben hätte. 

 

Immer noch dabei? Da bekommt jemand das Angebot, einfach ein halbes Jahr abzuwarten, um nicht Hunderte Millionen von Steuergeldern aufs Spiel zu setzen, entscheidet sich aus kaum nachvollziehbaren Gründen dagegen und kann sich zwei Jahre später an eine solche Entscheidung nicht mehr erinnern? Wir stellen uns folgendes vor. Standesamt, 30. April, 11 Uhr. Der Brautvater nimmt den Bräutigam zur Seite und sagt: Mein Junge, ich mag Dich. Mir wurde prophezeit, dass sich meine Tochter mit 25 Jahren in der Walpurgisnacht, der Nacht zum 1. Mai, in eine Hexe verwandelt. Wir suchen einen Vorwand und verschieben die Hochzeit um ein paar Tage, ok?

 

Wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Bräutigam Andi sagt: Nein, lass mal gut sein, Schwiegerpapa. Die Braut verwandelt sich in der Hochzeitsnacht in eine Hexe, Andi jammert jahrelang rum, schmeißt irgendwann alles hin, wird Präsident einer ominösen Asienbrücke und schwört Stein und Bein, dass er sich an ein derartiges Gespräch im Standesamt nicht erinnern kann, obwohl es sowohl die Trauzeugen, die Brautjungfern und der Standesbeamte mitgehört haben. Und die Moral von der Geschicht‘: Wer solch’s vergisst, dem glaubt man nicht. (Die Scheidung von der Hexe musste übrigens das Verkehrsministerium bezahlen.)

 

Lassen wir das. Weiterhin zur Abstimmung stehen mehrere Vorschläge für den neuen Ehrentitel von Andreas Dittlmann. Auch wenn er sich persönlich entrüstet zeigte, kam bei unseren Lesern Stadtbranderika recht gut an. Seit dem legendären PNP-Interview drängen sich allerdings noch ganz andere Stellenbezeichnungen auf. Stadtvergnügungsrat, Stadtbrandbürgermeisterrat oder doch nur Bad Cop? Munzinger, übernehmen Sie!