Sonntag, 2. Oktober 2016

Von Wölfen und Lampln

Es ist Sonntag, ziemlich früh am Morgen und ich kann seit Stunden nicht mehr schlafen. Es war noch nicht einmal das anachronistische Sechsuhrläuten, das mich geweckt hat. Ich war schon viel früher wach. Schon um halb fünf wälzte ich mich hin und her und überlegte, ob ich gestern irgendwas nicht vertragen haben könnte. Essen? Forelle, eher was Leichtes. Trinken? Keine zwei Flaschen Wein – zu wenig vielleicht?

Um fünf fiel mir ein, dass ich gestern aus Versehen die Pasta gelesen habe und anschließend war mir schon nicht ganz gut. Aber dann habe ich den Fehler gemacht, den ich immer wieder mache, obwohl ich weiß, dass ich es nicht vertrage – ich habe die PNP gelesen. Also natürlich nur den Lokalteil, den Rest werfe ich ungelesen weg, weil wenn man sich mit dem Weltbild eines Fuchs, Kain, oder wie sie sonst noch alle heißen, auseinandersetzen muss, macht man wochenlang kein Auge mehr zu. Leider war der Lokalteil gestern wieder mal richtig starker Tobak. Ich meine jetzt nicht diesen albernen Tölpel-Quatsch, wo es zu neunzig Prozent darum geht, welcher Kirchenpfleger vor 60 Jahren gestorben ist, welche Marterl zerstört oder restauriert wurden und welches Grab nicht gescheit hergerichtet ist. 

Aus Sicht minimalstjournalistischer Ansprüche ist da schon schwerwiegender, dass das Batavia-Studio eine Viertelseiten-Anzeige über Faszientraining schaltet und dafür eine knappe halbe Seite Redaktion über Faszientraining bekommt – ohne dass da Anzeigensonderveröffentlichung drüber steht. Aber das kennt man ja von der PNP nur zur Genüge.

Am allerallermeisten nerven mich auch derzeit nicht Brachialsekretär Andi, unter Poppers stehende Landräte, die angetrunken Facebook zuspammen, dultbedienungstittenfotografierende SPD-Landtagsabgeordnete und noch nicht einmal das spinatähnliche Bürgermeistergemüse.

Wer so richtig brutal und Schmerzen verursachend nervt, ist das Pflegefalldenkmal Egon Greipl, seines Zeichens Konservengeneral a.D. Das liegt noch gar nicht einmal daran, dass er dem Vernehmen nach (oder wie man auch so schön sagt: wie informierte Kreise berichten) durch die Stadt streifend Menschen anpöbelt – das machen wir ja auch gerne mal. So richtig angefangen zu nerven hat er spätestens mit der unendlichen Felsn-Geschichte, in der er vorrangig durch Wichtigtuerei auffällt.

Aber die Seite über die Lampl-Hamplpampls gestern hat mir – und wahrscheinlich auch allen anderen Lesern mit Rest-Intellekt – endgültig das Kraut ausgeschüttet. Das Foto war ja noch lustig. Der Konservengeneral sieht aus wie Breschnew im Trachtenjanker von KiK und daneben steht – und zwar tatsächlich im Partnerlook-Janker (Lampl-Uniform?) – der Chef der Lampl-Hamplpampls, der den Titel "Meister Lampl" trägt. Oder so ähnlich. 

So weit, so skurril. Parallelgesellschaften gibt es halt in allen Kreisen. Nervig wird es dann, wenn der Konservengeneral Sachen sagt wie: "Es ist schon unsere Linie, dass wir uns nicht mit großen Schecks in die Zeitung stellen." Oder: "... man muss kein großes Trara drum machen." 

Nein, müsste man nicht. Macht Ihr aber, Ihr selbstverliebten Wichtigtuer. Artikel wie gestern produziert Euer Selbstverwirklichungs-Erfüllungsgehilfe PNP nämlich gefühlt alle vier Wochen. Soziales Engagement ist übrigens etwas sehr Schönes. Wenn man aber der Divisionsrechnung mächtig ist und Eure Jahresspenden mit Eurer Mitgliederzahl in Korrelation setzt, kommt ein Betrag heraus, den hat meine Oma zu Lebzeiten pro Jahr in den Klingelbeutel geschmissen. Und die hat nicht auf einer Zeitungsseite drüber schwadroniert, dass sie vor lauter Bescheidenheit "kein großes Trara drum machen" will.

Merkt Ihr was? Wahrscheinlich nicht. Das Problem ist ja nicht, dass Ihr meint, dass Ihr bessere Menschen seid als die "Armen", die Ihr unterstützt. Geschenkt. Das Problem ist, dass Ihr, die Ihr "ein gewisses Ansehen genießt", die Ihr "sozial und familiär abgesichert seid", die Ihr "eine gewisse Persönlichkeit des Passauer Bürgertums" sein wollt (Zitate Greipl), meint, dass Ihr, weil Ihr Lampl-Hamplpampls seid, GUTE MENSCHEN seid. Das ist das Problem.

Wer das bis zum Ende gelesen hat, darf sich heute den Kirchgang und die Selbstgeißelung sparen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Der Präsident


Kommentare:

Königstreuer hat gesagt…

Hochverehrter Herr Präsident,

Wie Schuppen fiel es mir von den Augen. Auch ich leide an frühmorgendlicher Schlaflosigkeit, was meine Frau gelegentlich als »senile Bettflucht« bezeichnet.
Dass die Lektüre der PNP solch eine immense Wirkung auf mein Intellekt haben kann, war mir bisher nicht bewusst.

Nun, da Sie es, hochverehrter Herr Präsident, so plastisch schildern, komme ich nicht umhin, mich Ihrer Meinung anzuschließen. Es ist der Lokalteil. Dessen bin ich mir jetzt sicher.

Gerade die immer wieder abgelichteten Trachtenjankerträger erzeugen bei mir diese Übelkeit, gegen die ich noch kein Gegenmittel gefunden habe.

( »Der Konservengeneral sieht aus wie Breschnew im Trachtenjanker von Kik...«. Köstlich! )

Unser aller Heimatzeitung komplett ignorieren wäre wohl die einzige wirkungsvolle Maßnahme. Aber wo sonst soll ich mich über die kommunalpolitischen Spazetteln informieren?
Sie haben ja auch einen Unterhaltungswert, den kann man nicht abstreiten.

Jetzt widme ich mich der nächten Herausforderung. Die »Am Sonntag« flatterte gerade in meinen Briefkasten. Ich werde mich diesem Härtetest stellen.

In der Hoffnung mit einer gehörigen Portion Sarkasmus, dieses Unwohlsein zu bekämpfen, verbleibe ich mit den besten Grüßen an Sie.

wahlinfo-passau hat gesagt…

Hochverehrter Königstreuer,

danke für Ihren wohlwollenden Kommentar.

Die AS können Sie sich übrigens sparen. Da steht ausnahmsweise (ha ha) gar nichts drin.

Viele Grüße

Der Präsident

PNP-Leser hat gesagt…

Ich wünsche dem Präsidenten mehr schlaflose Nächte, wenn sie dann zu solchen literarischen Ergebnissen führen.

Anonym hat gesagt…

Och, das mit der Am Sonntag würde ich nicht sagen. Dass es laut abgedrucktem Kommentar in Passau nichts witzigeres gibt, als Prostitution und Verstöße gegen die Rechtsverordnung (auch eine "Fortsetzung" hätte dem Kommentator gefallen), ist schon erhellend.

Gegenwind hat gesagt…

Leichten Herzens muss ich sagen: „So gefällst du mir viel besser, werter Präsident!“

Und ich stimme zu: Der Lokalteil ist der Kern des PNP-Übels; alles andere (Sport, Wirtschaft, Politik, Føijètôn [ein Sammelbecken von Spitzwegscher Naivität und Unbedarftheit statt Intellektualität, weswegen es, bitte, verziehen sei, wenn ich der Erhärtbarkeit wegen einen Link setze zum Bruder im Geiste, Johannes Flörsch von wortport: http://www.wortport.de/vom-richtigen-satzbau/] – alles andere also wird entweder zugekauft (und dann nicht oder nur hart an der Grenze zur Arbeitsverweigerung nachbearbeitet) oder als Füllmaterial behandelt: rein damit, dann stimmt die Dämmung. (Auf die Finger geklopft werden aber gehört jenen Menschen, die verantwortlich sind für die Motorsportseite. Dort, in der Tiefe des gesponserten Journalismus, versteht der Leser die Texte nur, wenn er sie schon versteht.

Der Oberpirouettendreher Ernst Fuchs (warum heißt der eigentlich so?) drechselt in seinen Kommentaren Sätze, deren jeder einzelne jeden Leser guten Willens ermatten lässt, so er überhaupt versteht, was der Fuchs so schreibt, wie er schreibt. Meine Theorie: Fuchs beginnt seine Kommentare mit der Feststellung (es ist Montagmorgen, und der Kommentar für die Samstagsausgabe will gut gepolstert sein) ‚Es war einmal …‘

Da schneit die Vorzimmerdame hinein: „Chef, der Termin mit dem Verleger …“, und Fuchs speichert die Einleitung und denkt sich: „Geschafft! Guter Anfang.“ Zurück vom Termin, setzt er sich an den Kommentar und grübelt, was denn einmal gewesen war. Und da ihm das auf die Schnelle nicht einfällt, flicht er ein den Satz, der sowohl Kenntnis aufblitzen lassen soll als auch den großen Atem: Er öffnet die Datenbank der Nebensätze und hofft, zurückzufinden in das, was jeder Mensch liebt, was jeder ersehnt: den Hauptsatz, der verrät, wer was tut, damit er, Fuchs, schreibe, ob gut ist oder nicht, worüber er kommentieren möchte …

Da schneit die Vorzimmerdame rein: „Chef, die Themenkonferenz“, und der alte Fuchs speichert, geht und kehrt zurück und sucht nach dem Hauptsatz, dem einen, der Stellung bezieht und klärt, was er eigentlich meint, worüber er kommentieren möchte. Ach, dieser Satz, er will ihm nicht einfallen, und erneut blickt er in die Datenbank der Nebensätze, wird fündig, hängt ihn an, beginnt zu grübeln darüber, was er eigentlich mitzuteilen hat, als die Vorzimmerdame hereinschneit: „Chef, das Interview …“. Da capo ad Zeile 98! Und es entsteht ein Berg an Sätzen mit einem Eindruck und Ehrfurcht schindenden, unentwirrbaren Knäuel an Desorientiertheit, übertitelt mit „Kommentar“. Theorie Ende.)

Auch ich habe mich nun entfernt und bin ermattet ob meiner eigenen Genialität und Schwerverständlichkeit. Zurück also zur Lokalredaktion. Und da habt Ihr, werter Präsident, den Finger schon an der richtigen Wunde, auch wenn ihr manches Mal übers Ziel schießen mögt oder mit den diversen Idiosynkrasien, die Ihr hegt, näher dran seid an der Geistespotenz der Lokaljournalisten, als es euch bewusst sein mag. Für heute aber: Rückenwind vom Gegenwind!

Einen schönen Tag der Deutschen Einheit!

Gegenwind hat gesagt…

Edit:
Spielerei mit Namen gilt im Journalismus als No-go (Ausnahme sind Formulierungen wie ‚King Kahn‘ der BILD). Dass ich den Schlenker Richtung Ernst Fuchs übersehen habe zu löschen, das tut mir leid, ich entschuldige mich dafür.

Eine schöne Woche

Anonym hat gesagt…

Es ist ja alles prägnant formuliert und amüsant in der Wirkung. Aber... gibt es nach fast einem Monat Präsidentenpause keine anderen Themen?

Cromwell hat gesagt…

Lieber Herr Präsident,

danke für den Hinweis auf die skurrile Bruderschaft (was es nicht alles gibt) und vor allem für die subtilen Schlenker "was derzeit nicht nervt". Kurz und pointiert. Hut ab. Andere würden das seitenlang auswalzen und kämen trotzdem nicht auf den Punkt.



Anonym hat gesagt…

Und wenn man glaubt, der Blog sei tot, läuft der Präsident aus dem Stand zu alter Form auf; mehr noch: Er schickt sich an, diese zu übertreffen. Es grüßt ein Claqueur.
(Und: Bitte weiterhin den Originaltölpel hier veröffentlichen!)

Gegenwind hat gesagt…

Dr. Max Brunner: „Passau – Paradies für Kulturschaffende“

Geht es nur mir so, oder haben auch andere eine deutlich andere Vorstellung von der ‚Verortung‘ des Paradies?

Anonym hat gesagt…

Wieso? Das Paradies ist ein Ort, an dem Dr. Max Brunner die Kultur in Ruhe läßt.