Ich sitze gerade im Flugzeug nach Bangkok und bekomme den Refrain eines Liedes nicht mehr aus dem Ohr. „I got a hangover, whoa-oh-oh…“ Das mag daran liegen, dass ich demnächst in genau dem Hotel absteigen werde, wo in der berühmten Skybar „The Dome“ die legendäre Hubschrauberszene des nicht minder berühmten Films Hangover 2 gedreht wurde. Wer den Film gesehen hat, erinnert sich. Die vier Hauptfiguren, das „Wolfpack“, sitzen im 64. Stock unter freiem Himmel, als auf einmal spektakulär ein Helikopter mit Mr. Chow auftaucht. Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte das nachholen.
Unsere schlauen Leser haben den stilistischen Kunstgriff sicherlich schon verstanden. Hangover – das heißt doch: Kater, Katerstimmung oder auch Katzenjammer. Und was würde besser zur Befindlichkeit vieler Ex-Wahlkämpfer passen als der Begriff Katerstimmung. Jetzt fällt mir schon wieder ein berühmter Liedtext ein. „The winner takes it all, the loser standing small.“ Der Gewinner freut sich und schnappt sich die Amtskette. Der Verlierer, bzw. die Verlierer schauen blöd. Einige sogar ziemlich blöd.
Wer genau wie blöd schaut, weiß ich beim Verfassen dieser Zeilen leider noch nicht, weil ich nach der Landung in Bangkok meine Kolumne abgeben muss und in den nächsten Tagen, möglicherweise Wochen, noch einiges passieren wird. Aber vielleicht versuche ich es zur Abwechslung mal mit Empathie. Ich habe schon viele Wahlkämpfe beobachtet, auch begleitet, und kann deshalb schon ein bisschen einschätzen, wie brutal es ist, nach monatelangem Engagement und Hoffen zu scheitern. Die meisten sind dabei auch noch völlig fassungslos, weil sie sich ja gemeinsam mit ihrer Blase komplett einig waren, zu gewinnen, ein gutes Ergebnis zu erzielen, einfach nur reinzukommen oder was auch immer.
Deshalb ein paar Tipps für die nächste Wahl. Es hat nahezu keinerlei Bedeutung, wenn an Wahlkampfständen oder einfach auf der Straße Menschen auftauchen, die einem zurufen oder zuraunen: „Ich habe Dich/Sie schon gewählt oder ich wähle Dich/Sie sicher am Sonntag.“ Das heißt nicht, dass einen tatsächlich die ganze Stadt wählt, sondern nur, dass die Situation „Dich wähle ich sicher nicht, Du Trottel“ mitten auf der Straße eher selten bis fast gar nicht passiert. Auch ziemlich nichtssagend sind aufmunternde Worte aus Freundeskreis, Familie oder Arbeitsumfeld wie „Ich kenne überhaupt niemanden, der Dich nicht wählt.“ Das ist ungefähr so aussagekräftig wie: „Meine Oma und mein Hund mögen Dich.“
Gerne genommen für die erwünschte Realitätsverzerrung werden die auch meist völlig beliebigen und komplett austauschbaren Wahlprogramme und Wahlkampfthemen. Das ist wie beim Bullshit Bingo. Wer meint, als Einziger oder Erster alle vermeintlichen Spitzenthemen auf Plakate gedruckt, der Heimatzeitung gesagt oder in Diskussionen erwähnt zu haben, glaubt oft auch, er habe deshalb schon die Wahl gewonnen. Beispiele gefällig? Brücken, Tunnel, Seilbahn, Smart City, Kongress- und Messestadt, Kulturstadt, Stadtteile stärken, Wohnungsbau, Flussufer. Bingo!
Dass es diese Themen nahezu alle schon seit Jahrzehnten gibt und dass die meisten alle sechs Jahre aus der Schublade und nach der Wahl wieder in die Schublade kommen, weiß zwar auch jeder, stört aber offensichtlich keinen. Wirklich frustrierend ist, dass sich das alles in sechs Jahren wie immer exakt so wiederholen wird. Die Kandidaten werden ein weiteres Mal ihrer Blase, ihrem Partner, ihrer Mama, ihren „Parteifreunden“ glauben, dass sie die Besten, die Schönsten und die Tollsten sind und alles, was man in den letzten Wochen hätte lernen können, ist lang vergessen. Franz Josef Strauß hat einmal gesagt: "Im Übrigen weiß ich als Politiker genau, dass ich erst bei meiner Grabrede erfahren werde, wie gut ich gewesen bin, dass ich auch bei jedem Wahlkampf höre, wie schlecht ich bin". Ich ergänze: Bei Parteifreunden funktioniert der Satz auch andersrum.